Rezension von „Journeys to Impossible Places“ von Andreas Pawlowski

Gerd Weyhing: Journeys To Impossible Places

Schrottland, 2014

1.1  Forbidden Tracks  32:28
1.2  Cryptomeria  31:01
2.1  Das Reich des schwarzen Fisches  21:23
2.2  Landscape And Memory  23:46
2.3  The Melism Of A.  27:35

Nach seinem bemerkenswerten Debüt „The Hidden Symmetry“ hat Gerd Weyhing nun ein neues Album herausgebracht. Weil Gerd im letzten Jahr viel unterwegs war, ist „Journeys To Impossible Places“ ein Doppelalbum geworden, das Musik von Live-Auftritten in Wiesbaden, Dresden, Essen und Bocholt vereinigt, aufgenommen zwischen dem 13. April und dem 26. Oktober 2013. Einzige Einschränkung: der Gitarrenpart von „Landscape And Memory“ wurde nachträglich (live) eingespielt.

Alle Coverseiten inklusive der CDs selber sind sehr schön gestaltet; das wirkt wie Gestein, zum Teil sehr bunt. Leider ist nirgends vermerkt, wer das Cover geschaffen hat; vielleicht stammt es von Gerd selber. (Anmerkung: Ja, es stammt von mir)

Ein Kennzeichen von Gerd Weyhings Musik ist die Dauer der Tracks: eine halbe Stunde ist durchaus nicht ungewöhnlich. Meist lässt er seine Stücke ganz lange ausklingen, so dass das eben Gehörte nachwirken kann und man aus der Stimmung nicht „herausgeschubst“ wird.

Ganz wichtig ist bei einer Produktion des Gitarristen Gerd Weyhing natürlich die E-Gitarre. Nach wie vor staune ich, was man mit diesem Instrument so alles anstellen kann, welche Klänge sich damit (und entsprechenden elektronischen Hilfsmitteln) erzeugen lassen.

Es sind nicht unbedingt die Melodien, die fesseln, denn die sind (von Ausnahmen abgesehen) kaum ausgeprägt. Nein, die Faszination rufen die Klangschaften – Soundscapes hervor, die Gerd kreiert und großflächig ausbreitet.

Auf die beiden CDs verteilen sich fünf (entsprechend lange) Tracks, zu denen ich noch ein paar Sätze spendiere:

1.  Forbidden Tracks:

Gerd baut ein Gerüst aus einer kleinen, aus stakkatoartigen kurzen Tönen bestehenden Sequenz, flächigen Ambientklängen und prägnanten rhythmischen Einsprengseln. Darauf setzt er seine so charakteristische Gitarre. Er gibt sich aber auch die Gelegenheit, das Gerüst mit anderen Klängen zu verstärken und die schon vorhandenen zu intensivieren. Vor allem die rhythmischen Elemente werden mehr.

Manchmal weiß ich nicht zu sagen, ob gewisse Sounds oder Teile des Stücks von der Gitarre stammen, oder ob es doch pure Synthesizerklänge sind. Mein Eindruck ist aber, dass hier die Tasteninstrumente dominieren, dafür kreiert Gerd mit der Gitarre umso „wildere“ Sounds.

„Forbidden Tracks“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie Gerd seine Stücke mit viel Zeit ausklingen lässt. Ambiente Klänge kommen hier bestens zur Geltung und werden nicht mehr von rhythmischen Elementen dominiert.

2.  Cryptomeria:

Bei diesem Stück steht die E-Gitarre stärker im Vordergrund. Nach gut 6 Minuten schieben sich schnellere Rhythmusklänge in die Musik. Die zunächst noch ruhigen Gitarren- und Synthesizerklänge werden bald „quirliger“. Im weiteren Verlauf des Stückes tragen immer mehr Elemente zur Komplexität bei, bis hin zu Drums und Stimmsamples. Genauso wird das alles auch wieder abgebaut. Zwischendurch wird mit den Sounds auch „experimentiert“: Unterbrechungen, Verzerrung des Klangs und Verschiebung der Tonhöhe und anderes würden in einem anderen Musikgenre den Hörer mindestens an Fehler bei der Herstellung der CD denken lassen. – Bei EM ist solches ja Gott sei dank erlaubt.

3.  Das Reich des schwarzen Fisches:

Zum „Reich des schwarzen Fisches“ ist die E-Gitarre die Eintrittskarte, denn sie steht gleich am Beginn des Stückes. Der Rhythmus wird von Trommel- und Tambourinklängen getragen, die mich an Bands erinnern, die „mittelalterliche“ Musik machen. – Letzteres ist jedoch kein Hinweis auf den Stil der Musik dieser CD. Allerdings hat das Stück schon etwas Düsteres, wie Gerd Weyhings Werke insgesamt nicht in die Kategorie „himmelhoch jauchzend“ fallen. Der Titel „Das Reich des schwarzen Fisches“ lässt ja an sich schon kaum euphorische Gefühle aufkommen, aber deprimierend ist das Stück nun auch nicht. Ich lasse mich sehr gerne von der dunklen Stimmung forttragen und genieße es, wie Gerd den Track entwickelt und entfaltet. Im „Reich des schwarzen Fisches“ wird die E-Gitarre auch als ausgesprochenes Melodie-Instrument eingesetzt.

4.  Landscape And Memory:

Celloartige Klänge bauen zu Beginn eine nahezu romantische Stimmung auf, wie tastend bewegen sich die Töne fort. Da können durchaus Bilder von Landschaften wie bei Caspar David Friedrich vor dem geistigen Auge auftauchen. Doch zu „glatt“ und eingängig soll es bitteschön nicht werden. Und solche, womöglich einlullende Stücke sind Gerd Weyhings Sache nicht. Also werden tonale Störfeuer eingebaut, dissonante Querschläger, die die  Romantik-Stimmung vom Anfang aufbrechen. Nach einiger Zeit übernehmen Sequenzer und E-Gitarre das Ruder und lenken den Blick auf eine andere Landschaft und Erinnerung („Landscape And Memory“), ohne dass die bisherigen Elemente völlig abgelöst würden.

Ich gebe zu, bei „Landscape And Memory“ fehlt mir ein wenig der rote Faden; das Stück laviert für mein Empfinden ein bisschen zu sehr durch die Klangwelten und findet nicht recht zu sich selbst. Die einzelnen Elemente stehen mehr nebeneinander; es sei denn, es war die Absicht, etwas konfuse „Landscape And Memory“ musikalisch zu illustrieren.

5.  The Melism Of A.:

Ich musste erst einmal recherchieren, was „Melism“ sein könnte. Ein Melisma ist dem Fremdwörterlexikon nach eine melodische Verzierung, eine Koloratur. Das „A.“ vermag ich dagegen nicht zu deuten – oder ist damit womöglich einfach der Ton „A“ gemeint?

Was ich höre, ist allerdings dem Titel durchaus nachzuempfinden. Gerd spielt eigentlich nur ganz wenige Töne, langgezogen, in der Tonhöhe nicht weit voneinander entfernt – also völlig unspektakulär und für sich genommen sicherlich nicht für das breite Publikum geeignet. Was Gerd aber mit diesen wenigen Tönen macht, das ist faszinierend. Es sind eben solche „Melismen“, also Verzierungen, die die gut 27 Minuten Laufzeit im Nu vergehen lassen. Immer neue Feinheiten, Bässe, Percussion, Intensität der Sounds, Gitarre und Synths, zum Schluss auch eine weibliche Gesangsstimme, machen die Faszination dieses Tracks aus.

Mit “Journeys To Impossible Places” hat Gerd einen sehr schönen Überblick über sein derzeitiges Schaffen vorgelegt. Und ich finde, man sollte solch engagierten und eigenständigen Künstlern auch entsprechend begegnen und mit dem Kauf der CD  unterstützen, zumal 15 Euro für ein Doppelalbum absolut nicht zu viel sind. – Viel Spaß beim Hören!

Andreas Pawlowski

Bezug: www.schrottland.de
oder
http://gerdski.bandcamp.com/album/journeys-to-impossible-places

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